Autor: Martha Kniewasser-Alber (Seite 1 von 17)

Dazwischen würdigen

28. Mai 2021

Jetzt wird also offiziell alles leichter. Ich merke, dass diese Stimmung des Aufbruchs etwas ignoriert, das in unserer Kultur einfach keinen Platz hat: der Übergang.

Für viele von uns waren die letzten Monate wirklich hart, ich spreche absichtlich von einem kollektiven “UNS”. Es ist doch nicht so, dass wir besonders ausgeruht und erholt aus den Lockdowns, Beschränkungen und kontaktarmen Zeiten hervorgehen. Aber jetzt wir “hochgefahren”, “geöffnet” und die “Normalität” propagiert.

Aber wo ist die Zeit und der Raum, um Unsicherheit, das Suchen nach dem Passenden, die Trauer um das Verlorene (Job, Geld, Beziehungen,….), die Kraftanstrengung und Erschöpfung, das Einfrieren von Lebendigkeit und Spontaneität zu würdigen? Wo ist das Innehalten? Da regt sich Widerstand auf Befehl hin “hochzufahren”- ich bin keine Maschine und kein Automat.

Deswegen mir die Zeit und den Raum herausnehmen: Wissen, was es loszulassen gilt, schätzen, was die Geschenke der letzten Zeit waren, schauen, was passt, ausatmen, Pause.

Einatmen – Lebendigkeit, Freude, Spontaneität, Kontakt, Gemeinschaft. Pause.

Ausatmen – Schwere, Frustration, Bevormundung, Regelhaftigkeit, Einschränkung. Pause.

Einatmen – das viele, das üppige Grün, den Duft der Pfingstrosen, die gewaschene Luft, Livemusik. Pause.

JETZT: Im Übergang. Im Zwischenraum.

Berüchtigt

8. Mai 2021

Viele Jahre lang war mir der Muttertag egal, dann kam die Zeit, in der unser Bildungssystem unsere Kinder beauftragte, am Muttertag allerlei Selbstgebasteltes zu verschenken, das ich abwechselnd mit Gleichmut und Rührung, aber jedenfalls immer mit gemischten Gefühlen entgegennahm.

Dann bin ich ja auch schon noch viel länger Tochter. Aus dieser Rolle heraus war Muttertag oft mit Verpflichtung, dem (Selbst-) Anspruch, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen, mit Widerstand und jedenfalls immer mit gemischten Gefühlen verbunden.

Heute sucht mich dieses Konglomerat an alten Gedanken schon den ganzen Nachmittag heim…

Jetzt bin ich eben von einem langen Spaziergang durch Auwälder, Obstwiesen und dem Gehen am Fluss heimgekommen, ein bisschen in kämpferischem Aufruhr.

Ja, wir sind Mütter, ja, es ist uns vieles gelungen im Leben mit unseren Kindern, nicht alles ist uns geglückt, hinterher sind wir schlauer.

Aber ich hab da unlängst einen Text gefunden und der legt die ermatteten Reste des Muttertiers in mir irgendwie lahm (bildhaft gesprochen…)

Vergiss Sicherheit.

Lebe, wo du fürchtest zu leben.

Zerstöre deinen Ruf.

Sei berüchtigt.

(angeblich vom Sufi- Meister Rumi, womöglich originell übersetzt, aber ich nehme, was ich kriegen kann!)

In diesem Sinne:

Die Lust meinen Ruf zu zerstören, die Sicherheiten aufzugeben, morgen mit grellroten Lippen die Muttertagsstäuße als Heuchlerbesen zu entlarven, mich draufzuschwingen, einen Schluck vom Gin-Tonic zu nehmen und dann mit eleganter Kurve in einen lustvollen und lebendigen Tag abzudrehen, ist ungebärdig und ungebändigt. Wer wir wohl wären, hätten wir keinen Ruf zu verlieren, wären wir frei von Sicherheitsdenken und berüchtigt…..

Aaaahhhh, welch magische und erhebende Vorstellung, ich sehe uns alle bildhaft vor mir, so eine Freude, so eine Kraft, so ein Feuer!

Frühlingskräfte

30. März 2021

Und wieder, unbeeindruckt von all den menschengemachten und -verursachten Themen, Frühling. Mit diesem Rhythmus der Jahreszeiten verbunden zu sein, ist heilsam. Dieser ist unabhängig von Einschätzung, Bewertung, Wohlverhalten, Rechtsgrundlagen.

Der Frühling ist und er ist da. Er lässt uns großzügigst teilhaben an der steigenden Energie, am Ausgießen von immer mehr Licht, am Wachsen und Entwickeln. Mich mit meinen Themen in diesen Strom zu stellen und durchspülen zu lassen, bringt das eine oder andere in Ordnung. Das ist zu spüren. Zu denken und zu fühlen gibt es auch anderes, weniger Erhebendes. Und doch balanciert sich etwas aus, wenn es gelingt, sich an diese Augmentation der Rhythmik anzubinden. Mich in Größeres einweben, das Denken und Fühlen in die “große” Ausrichtung geben, Kleinlichkeiten, Unwichtiges loslassen, Anderes, Passendes mit Dünger versehen und wachsen lassen.

Schwellentanz

12.Jänner 2021

Wie schon angedeutet, bin ich im Moment ein bisschen wortempfindlich. Schnell kommt mir etwas grob daher, schlampig oder schneidend, oder verurteilend, und ja, auch unsere Sprache krankt und siecht dahin. Da helfen neu erfundene Worte und Sprachkorrekturen gar nicht.

Folgenden Worten rate ich fürs Erste zu einer 6- wöchigen Reha:

Fitness, Plagiat, Symptom, Mutation, Impfdosen, Aggression, Lockdown, soziale Medien.

Statt ihrer Verwendung einmal tief aus-und einatmen.

Weil sich das mit Reden und Worten gerade nicht so heimatlich anlässt, rückt Bewegung, Musik und Tanz in den Vordergrund. Beim morgendlichen Tanzen habe ich entdeckt, dass es reizvoll ist, zwischen zwei Zimmern hin- und her zu tanzen. Der spannendste Ort dabei: die Schwelle (mit erhobenem Schwellenbrett) – braucht mehr Aufmerksamkeit, darauf zu bleiben ein gerütteltes Maß an Balance, die herkömmlichen Schritte müssen adaptiert werden – ein sehr leibliches Forschungsgebiet, das nicht ohne Folgen bleibt…..

An der Schwelle

31.12. 2020

Sprachlich im Moment ziemlich einreduziert und der vielen Worte etwas müde (im Moment müsste der halbe Wortschatz auf REHA!), gibt es an der Schwelle ein Elfchen und einen Haiku. Mit diesen Worten sei 2020 verabschiedet und 2021 willkommen geheißen.

Heute

ein Jahr

das enden will

Was krank ist möge

gesunden

Das Atmen lernen

Dem Heute alles zutraun

Wunder erwarten

In diesem Sinne, ein gutes Wenden!

Hören, Lauschen und Losen

25. Dezember 2020

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Im Moment bleibt wenig zu sagen. Aus einem auslaufenden, selbstgewählten Auftrag, Ratlosigkeit, offenen Fragen und dem Versuch, das Leben zu lieben, das da ist, werden um diese Zeit keine haltbaren Blog- Beiträge mehr.

So verabschiede ich mich in die Raunachtszeit, die dazu angetan ist, ruhig zu sein, still zu halten, zuzuhören und zu lauschen. Ich werde also meine Sinne und meine Zellen auf Antenne und Empfang schalten, mich in einen anderen Modus zurückziehen und meinen EigenSinn pflegen, bis es wieder etwas zu sagen gibt.

Habt auch ihr eine gute Zeit, ein feines Sein, ein offenes Ohr und ein lauschendes Herz…..

Weih-Nacht

24. Dezember 2020

Du bist bis heute durch diesen Advent mitgegangen. Danke dafür!

Heute lade ich dich (und mich!) ein, den Tag durch die Genuss-Brille zu betrachten: Was macht mir Freude, was lässt mich die Zeit, das Zusammensein mit den anderen Menschen genießen?

Das setzt ein Gespür für Präsenz und Da-Sein voraus- wir haben in den letzten Tagen ein wenig geübt: Lass die Füße den Basiskontakt zum Boden herstellen. Atme aus und bewusst ein, sei mit dir und bei dir. Dann gibt es eine weiche Aufmerksamkeit mit wachen Sinnen für die Menschen und die Welt. „Antennig sein“: die Welt, das Fest, die Menschen kommen auf dich zu. Du musst nichts tun. (Ja, das klingt auch für mich paradox. Ist aber so.)             

Was siehst du? Was hörst du? Was gelangt an deine Haut, was spürst du? Was riechst und schmeckst du? JETZT.

Genieße. JETZT.

Die Zeit ist da. JETZT.

Du bist da. JETZT.

Die Welt ist, wie sie ist. JETZT.

Atmen. JETZT.

Das weiht die Nacht.

Weih-Nacht.

 Füße in den Fokus

23. Dezember 2020

Die Füße sind unser ausdauerndstes Kontaktorgan. Wenn wir stehen, gehen und sitzen, die Füße haben Kontakt – zum Boden, zur Erde. Zugegebenermaßen oft nicht direkt, weil Socken, Strümpfe, Schuhe usw….

Die Frage aber nun: haben wir Kontakt zu unseren Füßen? Hier also ein Vorschlag zu einer Verabredung mit deinen Füßen, mach es dir sitzend gemütlich, am Boden, auf einem Stuhl, wie du magst.

Nimm einen deiner Füße in deine beiden Hände und entdecke (vielleicht mit geschlossenen Augen) die unterschiedlichen Teile deines Fußes: Zehen, Sohle, Ballen, Fußrücken, Ferse, Knöchel. Was hat knöcherne Qualität, was Polsterqualität, wie fühlen sich die verschiedenen Oberflächentexturen deines Fußes an? Beginne deine Fußsohle zu massieren. Hier finden sich eine ganze Menge Reflexzonen, über die du Einfluss nehmen kannst auf deinen Leib, deine Organe. Knete deine Zehen, spüre deren Ansatz in den Mittelfußknochen, bewege deinen Vorfuß, probiere alle möglichen Richtungen aus. Massiere die Ferse, die Fußkanten, das Fußgewölbe. Du kannst die Finger deiner Hand zwischen die Zehen des Fußes hineinlegen und so den Fuß eine wenig bewegen.

Während eurer Zeit miteinander verändert sich das Erscheinungsbild deines Fußes, sei aufmerksam, nimm wahr. Steh dann auf, spüre wie unterschiedlich deine beiden Füße nun organisiert sind….

Komm dann zum zweiten Fuß – same procedure! (😊)

Wenn du willst, kannst du deine Füße auch noch eincremen, sie werden es dir danken. Die Verbundenheit mit deinen Füßen wirkt auf dein Stehen, dein Gehen, dein Sein in der Welt.

Thich Nhat Hanh drückt dies so aus:

Bitte berühre die Erde mit Achtsamkeit, Freude und Konzentration.

Die Erde wird dich heilen,

und du wirst die Erde heilen.

Wintercaprese

22. Dezember 2020

Bei einem adventlichen Abendessen vor einigen Jahren habe ich diese Speise bei U. kennengelernt. Da wurde sie als Vorspeise gereicht.

Zutaten:

eine kleinere gekochte rote Rübe

Mozzarella

Wasabinüsse

Kresse

Olivenöl

Balsamico

Salz

Rote Rübe und Mozzarella in Scheiben schneiden (auf unterschiedlichen Schneidbrettern),

auf Teller schlichten, salzen, mit Olivenöl und Balsamico marinieren, mit gehackten Wasabinüssen und Kresse bestreuen.

Der Geschmack der roten Rübe verträgt sich ausgezeichnet mit dem Krenaroma der Wasabis und der leichten Schärfe der Kresse, der milde Mozzarellageschmack rundet die Sache ab.

Schmeckt als Vorspeise oder leichtes Abendessen vorzüglich sowohl mit Roggenbrot, Nussbrot als auch mit einem feinen Weißbrot.

Möge die Rübe gelingen!

 Dunkelheit und Licht- Wintersonnenwende

21. Dezember 2020

Die längste Nacht und der kürzeste Tag des Jahres treffen einander heute. Die Wintersonnenwende ist emotional vielleicht die wichtigste Wendezeit des Jahres.

Aus der dunkelsten Dunkelheit entsteht das wachsende und länger werdende Licht. Wir sind in unserer westlich-zivilisierten Welt Lichtfetischisten. Für unser Immunsystem ist aber der Wechsel zwischen Dunkelheit und Licht ein wichtiger Baustein. Die samtige Dunkelheit der Nacht kann etwas sehr Erholsames, Berührendes, Sensibilisierendes haben. Das Tageslicht und das Sein an der frischen Luft ist ein passender Gegenspieler.

Ich lade dich heute ein, dich abends der Dunkelheit hinzugeben, sie zu würdigen, die Dämmerung, das Dunkelwerden als zärtliche Einladung zum Landen, zum Langsamerwerden, zum Ausatmen, zur Muße zu verstehen. Wir haben wenig Respekt vor der Dunkelheit, der sich dann möglicherweise auch in Angst und Furcht vor ihr verkehrt. Begrüße heute die Dunkelheit mit offenem Herzen und auf Augenhöhe, heiße sie willkommen.

Kerzenlicht ist eine Möglichkeit der Dunkelheit zu begegnen, ohne sie zu vertreiben. Gib dich dem Zauber von Kerzenlicht hin, das ist ja rund um die Weihnachtszeit eigentlich Teil vieler Rituale. Kerzenlicht kann wie gute Musik oder ein Gedicht unser Gemüt und Gefühl berühren. Kein Lämpchen kriegt die Atmosphäre von Kerzenlicht hin….

Innerlich berührt sein in dieser berührungslosen Zeit.

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